Donnerstag, 7. Oktober 2010

Gelesen.

Änderungsschneiderei Los Milagros” – der Titel des Romandebüts von María Cecilia Barbetta klingt harmlos. Doch das ist geschickte Tarnung. 
Die 1972 in Buenos Aires geborene, seit 1996 in Berlin lebende und auf Deutsch schreibende Argentinierin will hoch hinaus. 
Das merkt man ihrem Buch an, sobald man es aufschlägt.
Denn es enthält nicht nur Text, es schmückt sich auch mit einer Menge Abbildungen: Stadtplänen, „Bauplänen der Feldgliedermuster verschiedener Schmetterlingsgruppen”, Lexikonartikeln, Kreuzworträtseln, Busfahrkarten, Heiligenbildern, Kunstwerken, Atlanten, Partituren, Comicstrips usw.
Schön doppeldeutig wird all dies „Stoffmuster” genannt.
María Cecilia Barbetta spielt mit der Literatur ihrer Vorgänger und konkurrierenden Darstellungsformen, mit Comicstrips, Filmen, Musiktiteln.
Sie nimmt Maß an den Großen der phantastischen Erzähltradition, von Jules Verne über Julio Cortázar bis hin zu Jorge Luis Borges und schreckt auch vor Shakespeares „Romeo und Julia” nicht zurück.
Der eigentliche Reverenztext aber ist Lewis Carrolls „Alice im Wunderland”.
Von ihm dürfte sie die Vorliebe für Abbildungen übernommen haben.
Dass Bücher „ohne Bilder und Gespräche” nutzlos sind, das wusste schon die kluge Alice.
Die junge Mariana Nalo lebt in Buenos Aires und arbeitet in der Änderungsschneiderei ihrer Tante Milagros. Allerhand weibliche Tugenden kommen hier zum Tragen: Gründlichkeit, Einfühlsamkeit, sorgsamer Umgang mit den anvertrauten Kleidungsstücken, reger Austausch aller möglichen Gedanken, Kreativität und Einfallsreichtum.
Eines Tages taucht eine junge Frau auf.
Sie ist offensichtlich im gleichen Alter wie Mariana Nalo und von verblüffend ähnlicher Statur.
Analía Morán will heiraten und bringt das Brautkleid ihrer Mutter zur Änderung.
Es ist aus einem seltenen italienischen Stoff, kostbar bestickt, der Schnitt von edler Zurückhaltung.
Milagros Nalo überträgt der Nichte die verantwortungsvolle Arbeit.
Und Mariana kniet sich hinein, als gelte es, das eigene Brautkleid zu schneidern mitsamt dem dazu gehörenden Lebensentwurf.
Die Umarbeitung des Brautkleids und die Beziehung der beiden spiegelbildlichen jungen Frauen – auch ihre Namen sind anagrammatisch verknüpft – ist der rote Faden, der die in alle Himmelsrichtungen ausbüxende Handlung zusammenhält.
„Änderungsschneiderei Los Milagros” erzählt von den Wünschen und Sehnsüchten junger Frauen und auch davon, wie schlecht sie zu den eher lässigen Lebenskonzepten junger Männer passen.
Mariana fühlt sich Gerardo verbunden, einem Biologiestudenten, der eines Tages genug hat vom Studieren und Gebundensein und in die USA abhaut.
Schon bevor er getürmt ist, hat er sich nach anfänglichem Liebesglück ziemlich schnell ins männliche Verpuppungsstadium zurückgezogen, wurde wortkarg und verschlossen.
Die Geliebte reagierte frauentypisch: „Jener männlichen, geheimnisvollen Zurückhaltung trat sie mit unbegrenzter Liebe entgegen.”
Kein Wunder, dass sich Mariana für Analía und ihre bevorstehende Hochzeit mit einem soliden Bankangestellten interessiert.
Doch auch bei ihrer Doppelgängerin ist nicht alles so, wie es scheint.
Die Welt junger argentinischer Männer beschreibt Cecilia Barbetta genau so eindrucksvoll wie den weiblichen Kosmos, allerdings sieht sie ganz anders aus: zerknautschte Marlboro-Schachteln, herumliegende Kondome mit Erdbeergeschmack, Untertassen als Aschenbecher und als Zeichen unspießiger Männlichkeit, Playboy-Hefte.
Der Dialog unter Kumpels ist wahrscheinlich direkt dem Leben abgelauscht: „Am Anfang verkaufen sie sich als Traumfrauen, und dann schwuppdiwupp, vom Schmetterling zur Raupe, schon stehen sie deinem Traum vom Glück im Weg!”
„Wie Blutegel.
Sie beißen sich fest und wollen Probleme tot quatschen!”
„Mariana auch?”
„Mmmm.”
Mariana Nalo hat mit fünfzehn ihren Vater verloren.
Ihre Mutter erkannte die „männliche Leerstelle” als Katastrophe und zog daraus eine fatale Konsequenz: sie besetzte den „männlichen Platz in Marianas Kosmos” einfach selbst.
Dass man mit diesem Roman, der zweifelsohne eines der interessantesten Debüts der Saison ist, nicht immer ganz froh wird, liegt wohl daran, dass sich auch die Autorin eines ähnlichen Verfahrens bedient.
Sie berichtet von weiblichen Nöten, aber ihr Ehrgeiz steht dem sprichwörtlich männlichen in nichts nach.
Ihr Roman ist bis an die Zähne bewaffnet mit Literaturwillen.
Jedes Wort, jede Figur, jede Szene schreit nach Aufmerksamkeit.
Mit beachtlicher Kunstfertigkeit stellt sie Geschlechterstereotypien nicht nur dar, sondern überträgt sie auf die Form.
„Änderungsschneiderei Los Milagros” ist ein extrem koketter Roman.
Unter dem Deckmantel weiblicher Bescheidenheit lauert eine gewaltige literarische Potenz.
Umso schöner, dass María Cecilia Barbetta für ihr Debüt den Aspekte-Literaturpreis erhalten hat.
Der Erfolg wird ihr die nötige Sicherheit geben, damit sie beim nächsten Buch ein bisschen weniger auf die Tube drücken muss.
Dann ist alles wunderbar.

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